Fotos: Ulrike Bosse, Katharina Hillebrecht, Mathias Koch, Annelen Christ, Agnes-M. Daub
Frühjahrswanderung im Harly
Am 18. April 2026 trafen sich zur Frühjahrswanderung im Harly insgesamt 20 Personen, davon 13 Mitglieder des NWV und 7 Gäste, am Wiesenparkplatz südlich des Klosterguts Wöltingerode. Die Wanderung startete um 10:30 bei herrlichem Frühlingswetter und führte durch das Klostergut über die Landstraße 510 vorbei am ehemaligen Forsthaus zum Weg am Südrand des Harly. Von hier aus ging es, immer entlang des Waldrandes, ca. 2 km nach Westen bis zur Brücke über die Wedde und danach über den nach Südost abknickenden beidseitig mit Hecken bestandenen Feldweg zurück zum Ausgangspunkt, den wir nach etwa drei Stunden erreichten.
Der Frühling ist die Zeit der Geophyten. Sie überwintern unter der Erde und haben Speicherorgane, um nach Ende des Winters schnell Sprosse mit Blättern und Blüten zu bilden. Die Blüten dienen der Fortpflanzung, die Blätter müssen schnell für neue Nährstoffe sorgen, bevor das Laub der Bäume eine effektive Photosynthese am Waldboden unterbindet. Zu diesen Geophyten gehören das Scharbockskraut (Ranunculus ficaria), das Wurzelknollen als Speicherorgane besitzt, und Windröschen und Veilchen, die Rhizome als Stärkespeicher nutzen. Im Harly haben wir beide Windröschen-Arten angetroffen, das Busch-Windröschen (Anemone nemorosa) und das Gelbe Windröschen (Anemone ranunculoides). Bei den Veilchen gab es im Wald 2 Arten: das Wald-Veilchen (Viola reichenbachiana) mit einem dunkelvioletten Sporn und an feuchteren Stellen das Hain-Veilchen (Viola riviniana), das einen weißlichen Sporn hat. Da es auch eine Hybride zwischen beiden Arten gibt, ist die Bestimmung manchmal schwierig. Ein weiterer Geophyt mit einem Rhizom ist die Große Sternmiere (Rabelera holostea), ein weiß blühendes Nelkengewächs mit tief eingeschnittenen Kronblättern. Die Blüten sind 5-zählig und in einem Dichasium angeordnet. Der Hohle Lerchensporn (Corydalis cava) besitzt eine Zwiebel als Speicher. Ein sonderbarer Geophyt mit einer Zwiebel ist der Gefleckte Aronstab (Arum maculatum), dessen Blütenstände eine Fliegenfalle bilden. Die gefangenen Fliegen werden erst wieder in die Freiheit entlassen, wenn sie die weiblichen Blüten in der Falle bestäubt haben. Ein Geophyt, der noch nicht blühte, den man aber von weitem riechen kann, ist der Bär-Lauch (Allium ursinum). Er ist wegen seiner Schwefel-haltigen Inhaltsstoffe bei Köchen beliebt. Erfreulicherweise fanden wir dann noch einen weiteren Geophyten blühend vor, die Einbeere (Paris quadrifolia).
Neben den Geophyten blühen im Frühling auch ein- und mehrjährige Arten, die als Samen oder als Pflanze überwintern. Dazu gehören die verschiedenen Taubnessel-Arten. So fanden wir die Weiße (Lamium album), die Purpurrote (L. purpurea), die Gefleckte (L. maculatum) und die Stängelumfassende Taubnessel (L. amplexicaule) und die verwandte Echte (Galeobdolon luteum) und die Silberblättrige Goldnessel (Galeobdolon argentatum). Ausdauernde Arten sind das Dunkle Lungenkraut (Pulmonaria obscura), die Frühlings-Platterbse (Lathyrus vernus) und das Frühlings-Fingerkraut (Potentilla verna). Einjährig sind die verschiedenen kleinen Ehrenpreis-Arten: Hecken- (Veronica sublobata), Efeu- (V. hederifolia), Persischer (V. persica) und Glänzender Ehrenpreis (V. polita). Der Gamander-Ehrenpreis (V. chamaedrys) dagegen ist eine mehrjährige Art. Die Taubnesseln und Ehrenpreise blühen nicht nur im Frühling. Man findet die Blüten den ganzen Sommer über. Auffallende gelbe Farbtupfer außerhalb des Waldes stammten von den vielen Köpfchen des Löwenzahns (Taraxacum Sect. Ruderalia). Jedes einzelne dieser Köpfchen besteht aus bis zu 200 Zungenblüten, die nach der Befruchtung die vielen mit Schirmchen versehenen Früchte der Pusteblume bilden. Das Speicherorgan des Löwenzahns ist die Pfahlwurzel. Eine Pfahlwurzel besitzt auch die Knoblauchsrauke (Alliaria petiolata), eine zweijährige Art, die in letzter Zeit wieder als Küchengewürz entdeckt wird. Gefunden haben wir auch eine für den Harly typische Art, den Purpurblauen Steinsamen (Buglossoides purpureocaerulea). Allerdings hatten die Pflanzen noch keine Blüten ausgebildet. Dafür müssen wir dann wohl in ein paar Wochen wiederkommen.
Das schöne Wetter mit herrlichem Sonnenschein und Temperaturen um 20°C hat auch Insekten und andere Wirbellose hervorgelockt.
Zu den auffälligsten Arten im Frühjahr gehört Pyrrhocoris apterus (Feuerwanze), die als adultes Tier überwintert und sich in der Nähe einer ihrer Nahrungspflanzen (Linde) schon auf dem Gelände des Klostergutes und auf dem geteerten Weg zum ehemaligen Forsthaus beobachten ließ. Am Weg entlang des südlichen Waldrandes waren häufig Dolycorris baccarum (Beerenwanze) und seltener Coreus marginatus (Lederwanze) zu beobachten. Während Dolycoris polyphag ist (d. h. Sie nutzt zahlreiche Pflanzarten aus verschiedenen Familien als Wirtspflanzen), lebt Coreus an Ampfer-, seltener an Knöterich-Arten.
Auf Löwenzahnblüten und anderen Pflanzen waren auch die ersten vor kurzem aus dem Ei geschlüpften Larven von Pholidoptera griseoaptera (Gemeine Strauchschrecke) zu sehen. Diese Laubheuschrecke hat (wie die meisten unserer Arten) eine mehrjährige Embryonalentwicklung, was ihr ermöglicht, ihre Larvalentwicklung schon frühzeitig im Jahr zu beginnen.
Auch etliche Käferarten ließen sich beobachten. Zu den auffälligsten gehörten zwei gesetzlich geschützte Arten, Meloe proscarabaeus (Ölkäfer, ein überfahrenes und ein lebendes Exemplar) und Cetonia aurata (Rosenkäfer, zwei Individuen). Die Larven des Ölkäfers leben als Parasitoide in den Nestern verschiedener Wildbienen, die des Rosenkäfers als Engerlinge in Totholz, Komposthaufen u. ä.
Zwei Marienkäferarten waren, meistens beim Sonnenbad auf Blättern zu beobachten, häufig Coccinella septempunctata (Siebenpunkt), selterner Propylaea quatordecimpunctata (Vierzehnpunkt oder Schachbrett-Marienkäfer)
Zu den Blattkäfern gehören Chrysomela populi (Pappelblattkäfer)und Oulema obscura (Blauhalsiges Getreidehähnchen), das nicht nur an Getreide, sondern auch an zahlreichen weiteren Grasarten lebt.
Der Breitrüssler Platyrhinus resinosus, von dem wir ein Exemplar auf dem Gelände des Klostergutes fanden, lebt dagegen an verpilztem Holz verschiedener Laubbäume.
An Tagfaltern waren Gonepteryx rhamni (Zitronenfalter), Aglais io (Tagpfauenauge), Anthocharis cardamines (Aurorafalter), Weißlinge (Pieris spec.), Issoria lathonia (Kleiner Perlmuttfalter), Boloria euphrosyne (syn. Clossiana euphrosyne, Früher Perlmuttfalter) und Celastrina argiolus (Faulbaum-Bläuling) zu beobachten. Am bemerkenswertesten ist der frühe Fund von Boloria euphrosyne, der als einzige der registrierten Arten auf der Roten Liste Deutschlands (Status 2, stark gefährdet) steht. Die Art ist auf lückige Wälder mit Vorkommen ihrer Futterpflanzen, vor allem Viola riviniana und V. reichenbachiana (s. o.), angewiesen. Die Art wurde bereits von Max (siehe Jubiläumsband des NWV von 1977, damals noch unter dem Namen Clossiana euphrosyne) für den Harly gemeldet.
Eine auffällige Erscheinung im Frühjahr sind auch die Männchen von Aglia tau (Nagelfleck), von denen einige in raschem Flug am Waldrand nach Weibchen suchten.
Aus der Gruppe der Hautflügler waren Ameisen der Gattungen Formica und Lasius und verschiedene Bienenarten u. a. der Gattungen Bombus (Hummeln), Osmia (Mauerbienen), von denen mehrere Weibchen ihre Nester in einen Baumstumpf anlegten, und Nomada (Wespenbienen) häufig zu beobachten. Die Hummeln gehörten meistens zum Erdhummel-Komplex, der bei uns aus vier Arten besteht, die morphologisch nur schwer oder gar nicht unterscheidbar sind.
Einige häufige Erscheinung waren Vertreter der Hummel- oder Wollschweber (Bombyliidae), die sich am Waldrand im Falllaub oder auf dem Boden sonnten. Hummelschweber sind mit mehreren Gattungen und etwa 40 Arten in Deutschland vertreten, die im Gelände meist nicht auf Artebene bestimmt werden können. Die Larven leben parasitisch, oft in den Nestern von Wildbienen, artspezifisch aber auch von anderen Insekten.
Als weitere Vertreter der Zweiflügler ist noch ein Paar Märzfliegen (Bibionidae) erwähnenswert, das im Falllaub zu finden war.
Typische Bewohner des Falllaubes sind Wolfsspinnen der Gattung Pardosa, von denen mindesten zwei Arten am Südrand des Harly vorkommen, außerdem wurde noch ein großes Weibchen der Gattung Trochosa gefunden.
Als Abschluss soll noch die Sichtung einer halbwüchsigen Waldeidechse (Zootoca vivipara) erwähnt werden, die sich an einem Baumstamm nahe des ehemaligen Forsthauses sonnte.
Text: Dr. Florenz Sasse, Mathias Koch
Fotos: Dr. Florenz Sasse, Dr. Agnes-M. Daub, Katharina Hillebrecht, Sabine Bönig
Die Großpilzflora des Harly
von Hans Manhart
Der Naturwissenschaftliche Verein Goslar e. V. hat den 16. Band seiner Mitteilungen herausgegeben. Diese Reihe wurde einst gegründet, um das besondere und umfassende Wissen der Vereinsmitglieder festzuhalten.
Hans Manhart ist studierter Kunstpädagoge und freier Maler, war Hochschuldozent und Gymnasiallehrer. Schon seit Kindertagen haben ihn Pilze fasziniert, und seit mehr als 40 Jahren malt er alle seine Funde, sodass eine große Zahl wunderbarer Pilztafeln entstanden ist. Hans Manhart ist geprüfter Pilzsachverständiger der Deutschen Gesellschaft für Mykologie (DGfM) und ehrenamtlicher Kartierer für Großpilzarten im Nationalpark Harz.
Im Band 16 der Mitteilungen des Naturwissenschaftlichen Vereins Goslar stellt er die Pilze im Harly (Gebirgszug bei Vienenburg) vor und zwar retrospektiv, also die Summe aller Funde aus etwa 40 Jahren. So ist die überwältigende Zahl von 923 Arten zusammengekommen, von denen etwa ein Drittel auf der Roten Liste der gefährdeten Arten steht.
Leider sind Waldschäden und ein Artenrückgang in den letzten Jahren nicht zu übersehen, Hans Manhart äußert seine Gedanken dazu und weist auf die Schutzwürdigkeit des Gebietes hin.
Das umfassende Werk mit 476 Seiten ist illustriert mit 100 der wunderbaren Bildtafeln von Hans Manhart und 76 Fotos. Nachdem die erste Ausgabe bereits vergriffen ist, ist es nun erhältlich beim Verlag Book on Demand (BoD), ISBN-13:978376312706, zum Preis von 34,99 €.
Text: NWV Goslar
2. März 2023
Dieser Vortrag nach unserer Jahreshauptversammlung erfreute das Publikum so sehr, dass Florenz Sasse sich bereit erklärt hat, diesen als Video bereit zu stellen. Wegen der Größe der Datei gibt es einen ersten und einen zweiten Teil.
Dies ist der Link zum ersten Teil: https://1drv.ms/v/s!AthCLk8FaaXigaBzLG3LMftBsIqwSA?e=fXmbMZ
Dies ist der Link zum zweiten Teil: https://1drv.ms/v/s!AthCLk8FaaXigaB1a1yHFpKIjaU8ww?e=ttgdCJ
Für eine fehlerfreie Darstellung sollte man die Videos herunterladen.
10. August 2022
Im Goslarer Museum ist seit gestern das zweite Obergeschoß des Hauptgebäudes wegen Baumaßnahmen zum Brandschutz für Besucher geschlossen. Damit ist auch die Fossilienausstellung des Naturwissenschaftlichen Vereins Goslar "Auf den Spuren des Lebens" bis auf weiteres leider nicht zugänglich.